Signaletik im Gesundheitswesen

Entwicklung von Leit- und Orientierungssystemen für medizinische Einrichtungen


Große, unübersichtliche Gelände, komplizierte Gebäudetrakte, lange, nicht enden wollende Flure. Dazu unverständliche medizinische Fachausdrücke auf improvisierten Wegweisern, schlechte Beleuchtung und kryptische Icons. Wo muss ich hin? Wen darf ich ansprechen? Die fremde und verwirrende Umgebung eines Krankenhauses kann, neben dem eigentlichen Grund des Besuches, zusätzliche Unsicherheit und Angst auslösen.

Orientierung in Krankenhäusern

Leitsysteme haben erheblichen Einfluss auf das Erlebnis des Besuchers. Dies wird in den meisten Gesundheitseinrichtungen bis heute stark unterschätzt. Ausufernde Schilderwälder ohne klare Informationshierarchien, ohne Kohärenz und ohne Empathie für den Besucher sind die Folge. Weil die Schilder häufig ihre Aufgabe nur mangelhaft erfüllen, hängen Mitarbeiter in Eigenregie weitere Zettel an Türen und Wände. Das Resultat ist genau das Gegenteil von dem, was erreicht werden soll: Der Wildwuchs an Signalen wächst, jedoch die Botschaft wird nicht wahrgenommen.

Das Gestalten von Orientierungssystemen in Krankenhäusern ist eine der herausforderndsten Disziplinen in der Signaletik, ihre Relevanz ist hier besonders hoch. Gebäude und Gelände sowie die inneren Strukturen sind komplex und häufig unübersichtlich. Es gibt Nutzer in allen Altersstufen und mit unterschiedlichsten kognitiven, körperlichen und sprachlichen Fähigkeiten. Das Stresslevel eines Krankenhausbesuchers ist meist erhöht und häufig begleitet von Angstgefühlen. Dabei muss das Leitsystem nicht nur Patienten und ihre Angehörigen bedienen. Auch Ärzte, Pfleger, Servicekräfte und Lieferanten wollen ihre Wege finden, und das möglichst schnell. In einem Universitätsklinikum kommen Studierende und Lehrpersonal hinzu.

Informationsprogramm

Merkmale eines guten Klinikleitsystems

Ein effektives Leitsystem bringt jeden Nutzer mühelos und unabhängig von seinen persönlichen Fähigkeiten zu seinem Ziel – und wieder zurück. Dafür muss es unter anderem folgende Bedingungen erfüllen:

  • Es ist überall zu finden wo es benötigt wird, ohne sich aufzudrängen.
  • Es ist übersichtlich und leserlich gestaltet und weitgehend barrierefrei.
  • Die Codierungen und verwendeten Begriffe sind logisch, für jeden verständlich und kohärent.
  • Auch Besucher ohne deutsche Sprachkenntnisse können sich zurechtfinden.
  • Informationen sind auf das Wesentliche reduziert. So viel wie nötig, so wenig wie möglich.
  • Es existiert eine geschlossene Informationskette, die an jeder Stelle die dort notwendige Information vermittelt.
  • Es lässt schnelle Änderungen von (temporären) Informationen zu, ist leicht anpassbar und pflegeleicht.
  • Es hat ein konsistentes visuelles Erscheinungsbild, das der Funk­tion, Atmosphäre und der Kultur des Ortes gerecht wird (siehe dazu auch Corporate Identity, Marke und Design).

Auswirkungen mangelhafter Signaletik

Das Leitsystem bildet häufig den ersten Kommunikationspunkt zwischen Klinik und Patient und vermittelt somit die Identität der Einrichtung. Ein undurchdachtes, irritierendes Leitsystem wird mit unorganisierten inneren Strukturen verbunden und kann kein Vertrauen herstellen.
Die Auswirkungen eines mangelhaften Leitsystems sind auch für die Wirtschaftlichkeit einer Institution relevant. Denn Patienten, die ihr Ziel nicht finden, fragen Pflegepersonal oder Ärzte nach dem Weg. Diese werden bei ihrer Arbeit unterbrochen, verlieren dadurch Zeit und können sich nicht auf ihre fachlichen Aufgaben konzentrieren.

Durch ein mangelhaftes Leitsystem kann ein Krankenhaus jährlich mehr Stunden verlieren als die einer Vollzeit-Stelle

Wenn bei angenommenen 300.000 Patienten jährlich jeder Patient nur einmal nach dem Weg fragt, bedeutet das 300.000 Fragen × 30 Sekunden = 150.000 Minuten = 2.500 Stunden im Jahr.

Weitere Zeit geht verloren, wenn ein Patient den Behandlungsraum nicht findet. Er kommt zu spät zum Termin, daraufhin müssen Ärzte und weitere Patienten warten. Eine Investition in ein neues Leit- und Orientierungssystem hat also durchaus auch wirtschaftliche Vorteile. Vor allem, wenn ein intelligent angelegtes Wartungskonzept entwickelt wird, das auch die laufenden Kosten nachhaltig reduzieren kann.

Analyse und Strategieentwicklung

Ein neues Leit- und Orientierungssystem zu entwickeln bedeutet nicht, einfach neue Schilder aufzuhängen. Es muss ein kohärentes System entwickelt werden, das sowohl die Bedürfnisse der Nutzer als auch die Gegebenheiten des Ortes berücksichtigt. Daher werden in den ersten Planungsphasen der Bedarf gründlich recherchiert und die Aufgabenstellung gemeinsam mit dem Auftraggeber ausgearbeitet. Bevor das Leitsystem visuell gestaltet wird, müssen alle Vorgaben analysiert und ein Informationsprogramm aus den Perspektiven der verschiedenen Nutzergruppen entwickelt werden. Dazu gehören inhaltliche und sprachliche (semantische), formal-gestalterische (syntaktische) und mediale Aspekte.

Informationsprogramm

Jeder Nutzer hat individuelle Bedürfnisse, Ziele und Voraussetzungen. Es gibt Ziele, die häufig aufgesucht werden und eine besonders hohe Relevanz haben, zum Beispiel die Notaufnahme. Andere Ziele sind nur für bestimmte Nutzergruppen relevant. Für die Erstellung eines Informationsprogramms sind daher zunächst die Nutzergruppen und ihre Ziele zu priorisieren. Daraufhin muss entschieden werden an welcher Stelle welche Information für wen angeboten wird.

Planung

Jedes Signaletikprojekt ist individuell und durchläuft, abhängig von seiner Komplexität, den architektonischen Gegebenheiten und der Anzahl von involvierten Personengruppen, unterschiedliche Prozesse. Zur Strukturierung dieser komplexen Planungsaufgabe haben sich die neun Leistungs­phasen der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI) bewährt.

Gestaltung

Für die visuelle Gestaltung von Informationen im Raum gilt grundsätzlich, dass sie bereits aus größerer Entfernung wahrnehmbar und erkennbar, leserlich und leicht verständlich sind. Neben der Eindeutigkeit von Sprache und Bildzeichen ist dies unter anderem von den verwendeten Schriften, Größen, Kontrasten, Beleuchtung und der Positionierung der Informationselemente abhängig.
Im Sinne der Barrierefreiheit sind Leitsysteme so zu gestalten, dass sich möglichst alle Menschen, unabhängig von ihren individuellen Voraussetzungen, frei und ohne fremde Hilfe zurechtfinden können. Fällt etwa durch Krankheit oder Behinderung eine Sinneswahrnehmung aus, muss die fehlende Wahrnehmung über einen anderen Sinn ausgeglichen werden. Daher sollten Informationen so aufbereitet sein, dass sie von mindestens zwei Sinnen wahrgenommen werden können, beispielsweise visuell und taktil oder auditiv (Zwei-Sinne-Prinzip). Ergänzend trägt auch die Verknüpfung von Schrift mit Farben und Bildelementen zur leichteren Orientierung bei.
Detaillierte Empfehlungen für ein inklusives Kommunikationsdesign können der Online-Plattform leserlich.info entnommen werden.
Nicht zuletzt vermittelt Design jedoch auch ästhetische, emotionale und identitätsstiftende Aspekte, die gerade im Gesundheitswesen eine hohe vertrauensbildende und stressmindernde Wirkung entfalten und damit zu einer erfolgreichen Therapie beitragen können.

Normen und Planungshilfen

Planer und Gestalter treffen auf große organisatorische und normative Herausforderungen. Komplexe Recherche-, Analyse- und Planungsabläufe sind ebenso zu beachten wie zahlreiche DIN-Normen. Diese berücksichtigen jedoch weder den Planungsprozess, noch die ästhetischen und identitätsstiftenden Aspekte des Designs. Zwar sind mittlerweile etliche Fachbücher zum Thema Signaletik erhältlich, jedoch haben diese häufig eher ›Portfolio-Charakter‹ und vermitteln kaum klare Handlungsempfehlungen.

Hintergrund
Die Kommunikationsdesignerin Pia Denker hat im Rahmen ihrer Masterarbeit an der Fachhochschule Potsdam und in Kooperation mit adlerschmidt ein Handbuch »Signaletik in Gesundheitsbauten« entwickelt, mit dem sie für das Thema sensibilisieren und konkrete Handlungsempfehlungen geben möchte. In sieben Kapiteln werden Orientierung, Planung, Analyse, Konzeptentwicklung und barrierefreie Gestaltung erläutert und mit Hilfe von zahlreichen Abbildungen und Infografiken veranschaulicht. Darüber hinaus ist eine Checkliste entstanden, die als Evaluierungstool für bestehende und neu entwickelte Krankenhausleitsysteme genutzt werden kann. In die Recherche sind zudem die Ergebnisse einer umfassenden Grundlagenermittlung für das Leitsystem eines großen Universitätsklinikums eingeflossen. Die Realisierung des Handbuches ist in Planung.

Quellen und Literaturempfehlungen

  • DIN-Fachbericht 142 (2005-05) Orientierungssysteme – Anforderungen an Orientierungssysteme in öffentlichen Gebäuden
  • DIN 32975 (2009-12) Gestaltung visueller Informationen im öffentlichen Raum zur barrierefreien Nutzung
  • DIN 1450 (2013-04) Schriften – Leserlichkeit
  • Orientation & Identity. Portraits of International Way Finding Systems. Bauer, E. K., & Mayer, D, Wien: SpringerWienNewYork.
  • Wayfinding. Effective Wayfinding and Signing Systems. Guidance for Healthcare Facilities. London: The Stationery Office (2005).
  • Handbuch und Planungshilfe, Krankenhausbauten / Gesundheitsbauten. Meuser, P. (Hrsg.), Berlin: DOM publishers
  • Orientierungsysteme und Signaletik: Führen – Finden – Fliehen. Uebele, Andreas, Mainz: Schmidt (Hermann)
  • www.leserlich.info – Schritte zu einem inklusiven Kommunikationsdesign DBSV/adlerschmidt (2017)