Leserlichkeit von Schrift

Überarbeitung der DIN 1450


von Florian Adler

Ein zentrales Thema der visuellen Kommunikation bildet der Umgang mit Schrift. Nicht nur in gedruckten und digitalen Medien, sondern auch im öffentlichen Raum sind wir mit einer allgegenwärtigen Vielfalt von Schriften konfrontiert. Als erstes Qualitätskriterium für gestalteten Text darf dessen Leserlichkeit gelten. Dafür sind eine Reihe von Einflussfaktoren verantwortlich wie Erkennbarkeit und Unterscheidbarkeit einzelner Schriftzeichen, deren Offenheit, Strichstärken und Kontraste, Zeichen- und Zeilenabstände u. a.

Schriftgröße

Eine zentrale Rolle spielt die Schriftgröße, die bis heute in der noch aus der Zeit des Bleisatzes stammenden Maßeinheit Punkt angegeben wird und die gesamte vertikale Ausdehnung von Schrift definiert. Ein Vergleich unterschiedlicher Schriften weist jedoch bei gleicher Punktgröße erhebliche Differenzen in der Höhe von Groß- und Kleinbuchstaben auf. Die seit 1993 gültige DIN Norm 1450 »Leserlichkeit von Schriften« definierte daher die Schriftgröße durch die Versalhöhe (Versalien = Großbuchstaben). Jedoch zeigen sich auch bei gleicher Versalhöhe erhebliche Schwankungen in der Minuskelgröße (Minuskel = Kleinbuchstaben) und somit in der Größenwahrnehmung der Schrift insgesamt.

In empirischen Untersuchungen, u. a. in der von Florian Adler betreuten Bachelorarbeit von Sven Neumann an der Hochschule für Technik und Wirtschaft, konnte die Annahme bestätigt werden, dass – neben anderen Kriterien – die Höhe der Kleinbuchstaben den entscheidenden Faktor für die Leserlichkeit von Schrift darstellt.

Schriftgröße ist nicht gleich Schriftgröße: bei gleicher Punktgröße gibt es Unterschiede von Versal- und x-Höhen bis zu 40%.


Offenheit: Bei ungünstigen Lesebedingungen oder unscharfer Sicht laufen geschlossene Buchstabenformen, wie sie z. B. die Helvetica – links – aufweist, eher zusammen, als die offeneren Formen dynamischer Groteskschriften wie z. B. die der Schrift Unit – rechts –, die auch auf dieser Website verwendet wird.


Kontrast: Manche Schriften weisen sehr unterschiedliche Strichstärken auf, insbesondere bei Klassizistischen und Barock-Antiquaschriften. Bei Überstrahlungen durch blendendes Licht oder bei schlechter Druckqualität können feine Linienelemente wegbrechen. Die stabilsten Strichstärken weisen in der Regel die serifenlosen Linear-Antiquaschriften auf – auch als Groteskschriften bezeichnet. Sie sind insbesondere für sehr kleine Schriftgrößen oder auch für Signalisationen im öffentlichen Raum gut geeignet.

DIN Normungsausschuss

Diese Erkenntnis fand nun auch Eingang in die neue DIN 1450, die im April 2013 veröffentlicht wurde und nun erstmals Schriftgrößenempfehlungen in Kleinbuchstaben-Höhe (x-Höhe) angibt.

Der Normungsausschuss unter der Leitung von Albert Jan Pool (Schöpfer des Schriftfonts FF DIN), in dem auch Florian Adler mitarbeitete, setzte sich aus Designern, Schriftentwerfern und -herstellern, Mediengestaltern, Physiologen und Ingenieuren sowie Vertretern des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes (DBSV) zusammen. In einem dreijährigen Prozess erarbeitete der Ausschuss neue Handlungsempfehlungen zum Umgang mit Schrift, die den heutigen technischen Erfordernissen wie auch dem aktuellen Forschungsstand Rechnung tragen. Dabei wurden insbesondere die Bedürfnisse von Menschen mit Einschränkungen ihrer Sehfähigkeit berücksichtigt; die Anzahl der Betroffenen steigt aufgrund der demografischen Entwicklung an.

Im Unterschied zur alten Norm werden erstmals unterschiedliche Textarten definiert:

Lesetext bildet den Haupttext in Büchern, Broschüren, Gebrauchsanweisungen etc.
Konsultationstext ergänzt oder erklärt den Lesetext, wie z. B. in Fußnoten, Bildunterschriften oder Marginaltexten.
Schautext dient der Hervorhebung beispielsweise in Überschriften und gliedert den Lesetext.
Signalisationstext findet im im öffentlichen Raum Anwendung, z. B. in Informations- und Leitsystemen.

Für alle Textarten werden unterschiedliche Einflussfaktoren und somit auch differenzierte Handlungsempfehlungen gegeben.

Dabei handelt es sich bei der DIN 1450 nicht um ein verbindliches »Gesetz«, dem blind zu folgen wäre, sondern um Empfehlungen, die eine optimale Leserlichkeit gewährleisten sollen und im Zweifel auch dem Auftraggeber Sicherheit über die Erfüllung seiner Ansprüche vermitteln können. Darüber hinaus spielen in der Typografie auch historische, kulturelle und ästhetische Aspekte eine Rolle, die jenseits rein funktionaler Aspekte zu berücksichtigen sind. Eine sorgfältige Abwägung aller Gesichtspunkte bleibt dem Designer also auch jenseits aller Normen vorbehalten.

Das erklärte Ziel des Normungsausschusses, nämlich dass »… Textinformationen unter verkehrsüblichen Bedingungen leserlich sind«, sollte jedoch für alle gleichermaßen gelten.

Weitere Informationen zur neuen DIN 1450:

typografie.info
Deutsches Institut für Normung e. V., DIN 1450

2017 hat adlerschmidt in Kooperation mit dem DBSV die Online-Plattform leserlich.info veröffentlicht, die neben den Empfehlungen der DIN 1450 auch weitere typografische Hinweise und praktische Tools für ein inklusives Kommunikationsdesign anbietet. Siehe dazu auch das Projekt leserlich.info.